Nach einem Schlaganfall können selbst vertraute Bewegungen plötzlich mehr Aufmerksamkeit erfordern. Physiotherapie setzt dort an, wo Kraft, Gleichgewicht, Wahrnehmung und Bewegungssteuerung im Alltag wieder zusammenspielen müssen.
Es geht nicht nur darum, Kraft zurückzugewinnen
Ein Schlaganfall kann unterschiedliche Bereiche des Gehirns betreffen. Entsprechend verschieden können auch die motorischen Folgen sein. Manchmal steht eine deutliche Kraftminderung im Vordergrund, in anderen Fällen spielen zusätzlich die Bewegungssteuerung, die Wahrnehmung, das Gleichgewicht oder die Koordination verschiedener Körperbereiche eine wichtige Rolle.
Deshalb reicht es nicht immer aus, einen Arm oder ein Bein lediglich zu kräftigen. Ein Patient kann beispielsweise Kraft im Bein entwickeln und trotzdem Schwierigkeiten haben, beim Aufstehen oder Gehen das Gewicht kontrolliert auf diese Seite zu verlagern.
In der Physiotherapie wird daher genau beobachtet, wie eine Aufgabe ausgeführt wird. Wie verteilt sich das Gewicht? Wird eine Seite wenig einbezogen? Übernimmt der Rumpf zusätzliche Arbeit? Wie reagiert der Körper auf Veränderungen des Gleichgewichts? Daraus lässt sich ableiten, welche Fähigkeiten gezielt trainiert werden sollten.

Auch alltägliche Aufgaben können Teil der Therapie sein
Nach einem Schlaganfall können Tätigkeiten wie nach einem Gegenstand zu greifen, vom Bett auf einen Stuhl zu wechseln, aufzustehen oder einige Schritte zu gehen wichtige Bestandteile der Therapie werden.
Dabei kann eine schwierige Aufgabe zunächst in einzelne Bestandteile zerlegt werden. Gewichtsverlagerung, Rumpfkontrolle, Gleichgewicht oder die Beteiligung der betroffenen Körperseite lassen sich gezielt üben und anschließend wieder innerhalb einer vollständigen Bewegung miteinander verbinden.
Welche Aufgaben im Mittelpunkt stehen, richtet sich nach der individuellen Situation. Für einen Menschen kann eine sichere Umsetzung vom Bett auf den Stuhl einen großen Schritt zu mehr Selbstständigkeit bedeuten. Für einen anderen stehen das Gehen oder der Einsatz des Arms bei bestimmten Alltagstätigkeiten im Vordergrund.
Kompensation kann hilfreich sein – muss aber nicht immer die einzige Lösung bleiben
Nach einem Schlaganfall kann es zunächst notwendig sein, eine Aufgabe auf eine andere Weise zu lösen. Die nicht betroffene Körperseite stärker einzusetzen oder die Position des Rumpfes zu verändern, kann beispielsweise ermöglichen, eine Tätigkeit wieder selbstständig auszuführen.
Eine solche Kompensation ist deshalb nicht grundsätzlich problematisch. In der Physiotherapie wird vielmehr beurteilt, wann eine Strategie sinnvoll unterstützt und wann die betroffene Körperseite wieder stärker in die Bewegung einbezogen werden kann. Das Ziel besteht weder darin, jede Bewegung exakt wie vor dem Schlaganfall auszuführen, noch darin, vorhandene Möglichkeiten vorschnell aufzugeben.

Bobath betrachtet Bewegung im Zusammenhang mit der Funktion
In der KG Praxis Berkemeyer gehört Bobath für Erwachsene zu den Behandlungsmöglichkeiten bei neurologischen Erkrankungen. Dabei werden Haltung, Wahrnehmung und Bewegungssteuerung im Zusammenhang mit konkreten funktionellen Aufgaben betrachtet.
Das bedeutet auch, dass die Therapie nicht ausschließlich aus isolierten Übungen bestehen muss. Aufstehen, Stehen, Gewichtsverlagerung, Gehen oder der Einsatz eines Arms bei einer Tätigkeit können genutzt werden, um vorhandene Fähigkeiten weiterzuentwickeln und die betroffene Körperseite gezielter einzubeziehen.
Die Entwicklung nach einem Schlaganfall verläuft individuell und kann sich im Laufe der Zeit verändern. Entsprechend werden auch die therapeutischen Schwerpunkte angepasst. Entscheidend ist, welche Fähigkeiten für mehr Selbstständigkeit, Mobilität und Teilhabe im persönlichen Alltag benötigt werden.
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Geschrieben von
Petra Gillmann
Experte für Gesundheit und Wohlbefinden im Gesundheitshaus Garrel.



